Mission Kaffeerettung
"what the future needs“
Unsere Magazinreihe widmet sich gesellschaftlich, nachhaltig und sozial relevanten Themen, die zum Nachdenken anregen und inspirieren sollen. Ziel ist es, aktuelle Nachhaltigkeitsthemen mit internen und externen Expert:innen kritisch und ehrlich zu beleuchten.
Heute im Fokus:
Mission Kaffeerettung – Wie Forscher*innen den Kaffee der Zukunft entwickeln
Während der Klimawandel traditionelle Anbaugebiete bedroht, arbeiten Forschende an Lösungen, die vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klangen. Kann Wissenschaft die Kaffee pflanze retten? Welche Chancen eröffnet sie? Und mit welcher Skepsis und Kritik sehen sich die Forschenden konfrontiert?
Costa Rica, Kaffeeplantage: Mit der Pinzette werden Blattproben gesammelt, in Teströhrchen gefüllt, für die DNA Analyse vorbereitet.
Nicaragua, Forschungslabor: Kleine, grüne Pflänzchen in transparenten Plastikbehältern, daneben Saatgut in runden Petrischalen. Forschende untersuchen, wie Kaffeesorten auf unterschiedliche Umgebungen reagieren – Hitze, Trockenheit, Krankheiten.
Hamburg, Rösterei: Kaffeeduft liegt in der Luft. Auf großen Tischen stehen Dutzende Tassen mit frisch aufgebrühtem Kaffee. Verkostung. Geschmackliche Bewertung.
Kaffeeplantage, Forschungsstation und Rösterei: Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und ein Zusammenspiel, das in anderen Branchen längst Standard ist – für die traditionelle Kaffeewelt aber noch ungewohnt wirkt. Alle drei Stationen sind Teil eines komplexen, lang angelegten Forschungsprogramms mit einem Ziel: die Zukunft des Kaffees zu sichern. So sieht der Arbeitsalltag für die gemeinnützige Organisation World Coffee Research (WCR) aus, die auf Forschung und Entwicklung im Bereich Kaffee spezialisiert ist und an klimaresistenten Kaffeesorten für den weltweiten Anbau forscht. Dr. Jennifer „Vern“ Long ist Geschäftsführerin von WCR. Wir haben sie gefragt: Wie genau funktioniert diese Mission Kaffeerettung? Und kann sie gelingen?
DR. JENNIFER „VERN“ LONG
CEO BEI WORLD COFFEE RESEARCH (WCR)
Dr. Jennifer „Vern“ Long steht seit 2019 an der Spitze des Forschungsinstituts World Coffee Research. Sie verantwortet die Ausrichtung der Forschungsprogramme und vernetzt Theorie und Praxis.
Beginnen wir von vorn: Der Kaffeemarkt ist hoch kompetitiv. Farmer*innen wollen ihren Kaffee verkaufen. Anbauländer wollen Kaffee exportieren, um Exporterlöse zu erzielen. Der Rohstoffhandel will Kaffee gewinnbringend von A nach B bringen. Und weitere Akteure wie zum Beispiel Kaffeeröster wollen Kaffee kaufen und damit im Endkundengeschäft wettbewerbsfähig sein. Farmer*innen brauchen gesicherte Ernten und ertragreiche Kaffeepflanzen – insbesondere in schwierigen Zeiten, wenn die Preise niedrig sind oder die Produktivität aufgrund von Schädlingen, Pflanzenkrankheiten oder Klimaproblemen zurückgeht. Hier setzt die Arbeit von WCR an. Gegründet im Jahr 2012, hat es sich die Organisation zur Aufgabe gemacht, Qualitätskaffee zu fördern, zu schützen und sowohl die Versorgung als auch die Lebensbedingungen der Familien zu verbessern, die ihn produzieren. Hauptziel von WCR ist es, die Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit des Kaffeeanbaus zu verbessern, indem der Zugang zu bestehenden leistungsstarken Kaffeepflanzen verbessert und neue Sorten entwickelt werden. Für Vern sieht die Zukunft des Kaffees so aus: „Eine Welt, in der Farmer*innen Zugang zu den besten Sorten haben und diese frei wählen können, um höhere Erträge und Produktivität mit ihren Betrieben zu erzielen. Dadurch können sie fundierte Investitionsentscheidungen treffen und die entsprechenden Erträge und Gewinne erwirtschaften, um in ihre Betriebe zu investieren.“ „Frei wählen“ ist ein wichtiges Stichwort: Weltweit gibt es nur etwa 120 Kaffeesorten. Im Vergleich dazu gibt es bei Äpfeln über 5.000 Sorten. Apfelproduzent*innen können also die Sorte wählen, die sie vermarkten möchten – und so sicherstellen, dass die gewählte Sorte nicht nur einen Absatzmarkt hat, sondern auch er tragreich, krankheitsresistent und klimaresilient ist. Kaffeefarmer*innen hingegen haben deutlich geringere Wahlmöglichkeiten. Wie kann das sein? WCR ist angetreten, dies zu ändern.
Forschungsziel: die Resilienz von Kaffeepflanzen erhöhen
Schere, Pinsel, Sammelbehälter: Grundausstattung für die Feldforschung
Keimlinge in Petrischalen
Mit Wissenschaft die Chancen verbessern
WCR setzt sich deshalb unter anderem für die Professionalisierung von Baumschulen und Saatgutsystemen ein, führt Sortenversuche durch und modernisiert so die Pflanzenanzucht. Dadurch soll die Qualität des Kaffees verbessert und den Farmer*innen der Zugang zu besseren Sorten er möglicht werden. Denn nur so können sie sich gegen die Bedrohungen durch den Klimawandel wappnen und profitabler wirtschaften. Dafür ent wickelt WCR klimaresiliente Kaffeesorten – ohne Genanalyse, durch klassische Kreuzungen. Ziel ist es, Erträge stabil zu halten, Krankheiten und Schädlingsbefall vorzubeugen und die Landnut zung effizienter zu gestalten. Soweit die Theorie, aber wie sieht das in der Praxis aus? Wie reagieren Farmer*innen auf neue Sorten? Die Branche sei tendenziell konservativ, aber aus gutem Grund, erklärt Vern. Farmer*in nen passen Technologien erst dann an, wenn sie deren Nutzen erkennen. Wenn sich neue Kaffee sorten für die Farmer*innen nicht lohnen, pflanzen sie diese Sträucher nicht. Deshalb müssen Sorten entwickelt werden, die den Bedürfnissen der Farmer*innen entsprechen. Die wünschen sich vor allem ertragreiche Sorten, die keine oder wenige Pflanzenschutzmittel und Pestizide benötigen. Ist ein Kaffeestrauch von Natur aus resistent, muss er nicht gespritzt werden. Das ist gut für die Farmer*innen, da sie keine Pestizide kaufen müssen – und auch die Konsument*innen profitieren von ungespritzer Ware.
Wie kommen die neuen Sorten ins Feld? Traditionell dauert die Züchtung einer neuen Sorte etwa 30 Jahre. WCR hat diesen Zeitraum auf rund acht Jahre verkürzt. 2028 wird die erste Auswahl zur Verfügung stehen und anschließend getestet – zunächst in nationalen Versuchen, dann in allen Anbauländern. Die ersten Sorten aus diesem Zuchtprogramm sollen im Jahr 2037 auf den Markt kommen.
Genanalyse – ethisch vertretbar?
Müssen sich die Konsument*innen Sorgen machen über gentechnisch veränderte Kaffeepflanzen (GVO)? Schließlich lösen Eingriffe in die DNA immer wieder ethische und moralische Bedenken aus – auch hinsichtlich der Risiken und Nebenwirkungen, die mit Genmanipulation verbunden sind. „Das ist kein Grund zur Sorge“, sagt Vern: Denn im Zentrum der Kaffeepflanzenforschung stünden klassische Kreuzungen. Mit fortschrittlicher Genanalyse sollen die besten Kombinationen für neue Sorten gefunden und so die traditionellen Züchtungen optimiert werden. Am Beispiel der Blaubeere kann man sehen, wie man mit Genanalyse erfolgreich eine kontinuierliche Versorgung bei gleichbleibender Qualität erreichen kann: Vor 20 Jahren gab es die Beeren nur im Sommer zu kaufen. Im Dezember waren sie nicht bezahlbar, und selbst wenn man welche bekam, war die Qualität oft nicht gut. Heute sind Blaubeeren weltweit ganzjährig im Angebot.
„Genanalyse kann nicht nur Probleme lösen, sondern auch neue Möglichkeiten schaffen.“
Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg
Für die Forschung an der Zukunftsfähigkeit von Kaffee wird neben Zeit noch etwas anderes benötigt: Zusammenarbeit. Dies ist einer der Kernwerte von World Coffee Research, das mit führenden Institutionen in den Erzeugerländern und auf der ganzen Welt zusammenarbeitet. „Es ist ein gemeinschaftlicher Prozess zur Entwicklung und Markteinführung von Sorten“, sagt Vern. Gruppen von Farmer*innen, Händler*innen und Baumschulbetreiber*innen, aber auch die Regierungen in den verschiedenen kaffeeanbauenden Ländern – sie alle sind Stakeholder von WCR. Vern beschreibt es so: „Jedes Unternehmen hat zunächst seine eigenen Ziele verfolgt und nur für sich gearbeitet. Dann haben sie sich zusammengeschlossen. Aus bilateralen Beziehungen hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Kollaborative Wissenschaft kann sehr wirkungsvoll sein!“ Hinter WCR steckt also nicht nur ein Kaffee-Unternehmen oder -händler, sondern ein ganzer Verbund: Zu den Mitgliedern gehören über 200 Unternehmen aus 30 Ländern weltweit, unter anderem Starbucks, Dunkin’, Lavazza, JDE/Jacobs – und auch Tchibo.
↑ In durchsichtigen Plastikbehältern werden Kaffeekeimlinge herangezogen
Zurück auf die Kaffeeplantage – diesmal nach Brasilien: Das Foto zeigt den Einfluss von Kaffeerost, einer Pilzkrankheit, auf unterschiedliche Kaffeepflanzen: Die Pflanzen auf der linken Seite des Wegs sind nicht resistent gegen Rostbefall. Die Pflanzen auf der rechten Seite sind resistent. Der Blick auf dieses Feld zeigt eindrücklich: Die Zukunft des Kaffees ist nicht nur möglich, sie hat in der Landwirtschaft bereits begonnen.
↗ Neue Kaffeesorten sollten ertragreich, krankheitsresistent und klimaresilient sein
→ Ein Ziel von WCR: Baumschulen und Saatgutsysteme zu professionalisieren