Kaffee & Leidenschaft

Kaffeesatz im Kompost: Ist da der Wurm drin?

Ich schreibe hier im Tchibo Blog ja ab und zu etwas über meine persönliche, eher wissenschaftlich geprägte Sicht auf Kaffee. Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog auch über die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten von Kaffeesatz geschrieben. Dazu gehörte auch die von mir angepriesene Verwendung im Kompost. Es ist ja nun Frühling und es ging wieder los für Hobby-Gärtner:innen und für Profis in Gärten, Gewächshäusern und Balkonkästen! Nun erhielt ich besorgte Post, dass nach neuesten Erkenntnissen Kaffeesatz für Regenwürmer (hier verzichte ich mal auf das Gendern, denn die sind immer beides: männlich und weiblich) gar nicht gesund sei, die nützlichen Tierchen gar davon sterben könnten?! Das könne doch wohl nicht wahr sein?!

Nun bin ich schon immer großer Wurm-Fan gewesen (und wer ist das nicht?) - einmal, was seine Nützlichkeit in Gartenböden angeht, aber auch aufgrund seiner bedeutenden Rolle in der Poesie. Denke man nur an Heinz Erhardts: „Die Made“! („Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde … (usw.)“. Wer es noch nicht kennt, unbedingt stöbern oder googeln und lesen, anschauen oder hören!).

Okay, ich schweife ab, und überhaupt: eine Made ist zoologisch etwas komplett anderes als ein Wurm, nämlich die Larve bestimmter Insekten. Hier geht es aber um allseits bekannte Ringelwurmarten, die übrigens von Laien oft einfach in denselben Topf geworfen werden -besonders von Hobby-Anglern beim Ködersammeln (kleiner Scherz). Dabei sind sie durchaus verschieden: einmal der gemeine Humus- oder Kompostwurm (Eisenia fetida) und dann der Regen- oder Tauwurm (Lumbricus terrestris) oder derWaldregenwurm (L. rubellus). Besonders der Kompostwurm ist übrigens seit kurzem als Haustier voll im Trend, etwa mit dem Salat-Regenwurm-Reaktor[1] oder auch mit gekaufter oder selbst gebauter Wurmkiste. Das richtige Substrat zum Futtern, die richtige Temperatur, genügend Luft und Feuchtigkeit - und schon geht es los mit dem Wurm-Kompostieren! Pflanzen und andere Bodenlebewesen lieben den resultierenden organischen Dünger, insbesondere, wenn er ausgewogene Mengen an Mineralien mitbringt - wie bei Kaffeesatzkompost! So, nun behaupten aber die einen, Würmer hätten Kaffeesatz zum Fressen gern, während die anderen sagen, er schade ihnen, ja, sie gingen sogar davon ein.

Also, was ist dran? Fakten-Check! Was sagt die Wissenschaft dazu? Oder anders gefragt: Ergibt Kaffeesatz ein leckeres Würmerfutter und damit großartigen Kompost - oder etwa doch nicht? Tja, zur Beantwortung der Frage geht es ans wissenschaftlich Eingemachte.

In unserem Hochbeet (vor 2 Jahren bei Tchibo bestellt) ziehen wir gerade Radieschen und Möhren. Es ist mit jede Menge, durch Kaffeesatz angereicherten Wurmkompost angefüllt. Rechts im Bild ist die ebenfalls über Tchibo bezogene Dauerbewässerung (wir waren im Osterurlaub) mit rotem Wasserstandsanzeiger. Aus dem tollen Buch von Gary Larson „There is a hair in my dirt!” (“Da ist ein Haar in meinem Dreck!”) lese ich den Kompost- und Regenwürmern abends vor (nein, nicht wirklich).

Immer wieder diese schnellen Behauptungen!

Zunächst einmal generell: In den schnellen Medien lassen sich manche Autor:innen dazu hinreißen, bisherige Erkenntnisse über den Haufen zu werfen, weil sie ein (in Zahlen: 1!) neues, gegenteiliges Ergebnis gefunden haben. Das geht dann nach dem (fiktiven) Muster: „Sie haben bisher gemeint, Coffein am Abend hindere Sie am Einschlafen? Eine neue koreanische Studie zeigt jetzt, dass das alles nur Einbildung ist“, (womöglich noch mit dem Unterton: „stellen Sie sich also nicht so an, Sie Simulant:in!“). Eine solche Vorgehensweise generiert viel Aufmerksamkeit, ist aber unwissenschaftlich! Es kann zwar auch einmal der Fall eintreten, dass eine (in Zahlen: 1) neue Studie quasi zum Game-Changer wird - aber nur, wenn dieser alle bisherigen relevanten Studien und Erkenntnisse noch einmal einander gegenübergestellt wurden, und sich in der neuerlichen Gesamtschau die althergebrachte Sichtweise dann als überholt erweist.

Die Studie, auf die sich wurmskeptische Medienbeiträge beziehen, handelt vom Kompostwurm (Eisenia fetida). Die kanadischen Wissenschaftler:innen[2] stellten fest, dass den Versuchswürmern die Futtergemische aus Pappkartonstückchen und Kaffeesatz nicht gut bekamen, leider umso schlechter, je höher der Anteil an Kaffeesatz war und am schlechtesten bei reinem Kaffeesatz. Wie passt das zu den althergebrachten Tipps wie dem „Hack“-Klassiker aus den 1980ern von Mary Ellen: „Geranien und Kaffeesatz“[3]? Werbetext damals: „Selbst perfekte Hausfrauen, erfahrene Mütter und routinierte Junggesellen finden hier viel Neues und Wissenswertes!“ Oder zählt das nicht, weil in Blumentöpfen eher selten Regenwürmer zu finden sind? Oder fehlte im Versuchsansatz einfach nur „eines Baumes Rinde“, also das kuschelige Wurm- und Maden-Home aus der Ballade von Heinz Erhardt?

Oder lag es am üblichen Verdächtigen: dem Coffein? Das wird in der Studie nicht einmal erörtert. Aber okay: Kaffeesatz kann durchaus noch Reste an Coffein enthalten. Von anderen Untersuchungen weiß man, dass Coffein tatsächlich einen beschleunigenden Einfluss auf den Puls der Herzen von Ringelwürmern haben kann[4],[5] (ja, die haben quasi mehrere) - und das schon bei Konzentrationen, die 30 bis 40 x geringer sind als die in einer Tasse Kaffee. Eine solche Coffein-Restkonzentration mag für das schon einmal durchgespülte Kaffeesatzpulver in feuchter (Kompost-)Umgebung durchaus realistisch sein. Aber mal halblang: beschleunigter Puls heißt ja noch nicht gleich wurmschädlich!

Woran lag es also? Das lösen wir im 2. Teil auf...


[1] Z.B.: https://blogs.nabu.de/thueringen/2018/06/salat-wurm-reaktor/

https://blog.tchibo.ch/de/lifestyle/wurm/

[2] Liu, K., & Price, G. W. (2011). Evaluation of three composting systems for the management of spent coffee grounds. Bioresource Technology, 102(17), 7966-7974.

[3] Ellen, M. (1987). Geranien und Kaffeesatz. 999 praktische und ungewöhnliche Haushaltstips für sie und ihn. Köln: Delphin-Verlag.

[4] Lesiuk, N. M., & Drewes, C. D. (1999). Blackworms, Blood Vessel Pulsations and Drug Effects. American Biology Teacher, 61(1), 48-53.

[5] Ryan, A. B., & Elwess, N. L. (2017). A New Approach in Examining the Influence of Drugs on Pulsation Rates in Blackworms (" Lumbriculus variegatus"). Bioscene: Journal of College Biology Teaching, 43(2), 38-43.