Mensch & Verantwortung
Kooperative Coopfam: Nachhaltiger Kaffeeanbau in Brasilien

Fairer Handel, Tchibo & die Frauen

Hallo, ich bin Pablo von Waldenfels und Head of Sustainable Coffee bei Tchibo. Das heißt: Ich kümmere mich darum, dass wir die Transformation vom herkömmlichen zum nachhaltigen Kaffeeeinkauf vorantreiben. Doch wie bei der Baumwolle ist das nicht mit einfachen Online-Bestellvorgängen getan. Wir als Händler müssen uns direkt in Programmen und Initiativen vor Ort in den Kaffeeländern engagieren. Das größte kaffeeanbauende Land ist Brasilien.

Die Themen Wasserknappheit, Klimawandel und Agrarchemikalien spielen hier eine große Rolle. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Produzenten vor Ort Lösungen, den nachhaltigen Kaffeeanbau etwa mit weniger Wasser und Pestiziden voranzutreiben. Als Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit spielt die Kooperative Coopfam eine wichtige Rolle. Wir kennen und arbeiten mit Coopfam seit sieben Jahren. Seit 2019 arbeiten wir aktiv am Aufbau einer Struktur, die den Farmer:innen einen nachhaltigeren Kaffeeanbau ermöglichen soll. Coopfam ist eine Fairtrade-zertifizierte Kaffeekooperative und daher nicht nur für unsere inhahltiche Nachhaltigkeitsarbeit ein wichtiger Partner, sondern auch ein wichtiger Rohkaffeeprodukzent für unseren TCHIBO BARISTA. Vor kurzer Zeit (im März) traf ich Vânia Pereira Silva – Präsidentin von Coopfam.


Im Gespräch: Pablo von Waldenfels und Vânia Pereira Silva

Vânia, lass uns mit den schönen Dingen beginnen. Wenn du auf eure Geschichte mit dem fairen Handel zurückblickst, was waren echte Erfolgserlebnisse?

Da gibt es viele. Ich halte die Erfahrungen der Frauengruppe für sehr wichtig, denn die Frauen waren zusammen mit ihren Männern von Anfang an die Pionierinnen, als wir in den 80er Jahren mit dieser Gruppe begannen. Wir waren auf der Suche nach einer besseren Lebensqualität für die Familien. Damals gingen die Frauen mit ihren Ehemännern zwar zu den Treffen, aber sie hatten keine Stimme.

Nach und nach begannen sie, sich einzumischen. Maria José ist zum Beispiel eine unserer Pionierinnen. Sie und ihr Mann schafften es, ihre Farm nachhaltig zu transformieren. Später starb ihr Mann und sie dachte: „Ich muss die Kooperative verlassen, weil ich meine Farm nicht behalten kann.“ Obwohl sie ihren Mann während des gesamten Produktionsprozesses begleitet hatte, dachte sie, sie müsse ihre Farm aufgeben. Wie sollte sie weitermachen?

Doch die Gruppe der Frauen hat sie unterstützt. Denn Maria José war von Anfang an dabei, sie ist Biobäuerin, sie arbeitet mit Respekt vor der Natur, dem Boden und dem Land. Sie möchte diese Achtung an die nächsten Generationen weitergeben. Derzeit vermittelt sie dies an ihre Enkelkinder. Sie hält Vorträge für unsere jungen Menschen bei Coopfam und sie hat dank der kollektiven Unterstützung der Frauen weitergemacht. Sie trat Coopfam ja ursprünglich bei, weil sie damals die Frau eines Mitglieds war. Sie war die einzige Frau in der Versammlung damals. Dann kam die Gruppe von Frauen, die sie unterstützt hatte, zur Versammlung, setzte sich neben sie und sie konnte an der ersten Coopfam-Versammlung teilnehmen. Sie erzählt diese Geschichte immer weinend. Es war ein großer Erfolg. Wenn sie nicht vorher mit ihrer Familie an diesem Traum gearbeitet hätte, der durch faire Handelsprojekte in Erfüllung ging, wäre sie nicht hier bei uns und würde sich nicht engagieren, wodurch die „Mobi“ Gruppe entstanden ist.

Das war der Anfang der Frauengruppe. Auch ich wurde von der Frauengruppe nominiert, um 2016 als Stellvertreterin am Vorstand teilzunehmen. Daher ist diese Erfahrung sehr bewegend für uns, denn wir haben die Anerkennung für Frauen und ihre Arbeit in diesem Land erreicht.


Ich nehme an, dass zu Beginn der Reise der Frauengruppe nicht alle Männer über diese Arbeit begeistert waren. Das ist üblich so. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Kooperative und auch in der Kooperativem Laufe der Zeit verändert?

Das war eine große Herausforderung. Die Kaffeeproduktion ist eine Männerdomäne. Die Art und Weise, wie unsere Mitglieder erzogen wurden, ihre Mentalität... sie ist nicht schlecht, aber sie haben ein anderes Verständnis. Vor allem bei der Erstellung des Wählerverzeichnisses (für den Vorstand der Kooperative), diese Arbeit dauert ein Jahr. Als ich Ende 2018 in das Wählerverzeichnis aufgenommen wurde und sich die Möglichkeit einer Präsidentschaft andeutete, gab es eine Menge Ablehnung, sodass es nach der Erstellung des Wählerverzeichnisses Widerstand gab, weil ich eine Frau bin. Die Pioniere waren sehr verunsichert. Ich verstand damals ihre Besorgnis und Unsicherheit, denn sie sagten ganz klar: „Wir werden Coopfam nicht in die Hände einer Frau legen.“

Für sie war es riskant, und außerdem kannten sie mich nicht sehr gut, denn mein Kollege war der Kontakt zu den Mitgliedern. Ich war die Stellvertreterin, hatte aber nicht diesen Kontakt zu ihnen. Ich habe Situationen erlebt, die ein Mann sicher nicht erlebt hätte. Normalerweise stimmen wir ab, um die Wählerliste zu erstellen und dann haben wir die Wahl bei der Generalversammlung, die am Sonntag stattfindet.

Bei anderen Gelegenheiten haben wir diesen Prozess durchlaufen: die Abstimmung für die Wählerliste und später die Versammlung. In meinem Fall musste ich dreimal zur Wahl antreten. Dreimal! Die Gruppe von Mitgliedern, die keine Frau als Präsidentin akzeptierte, hatte großen Druck auf die Pioniere ausgeübt.

Es gab eine interne Abstimmung unter den Vorstandsmitgliedern und ich wurde von diesen Mitgliedern gewählt. Und die zweite Abstimmung folgte. Die Mitglieder waren nicht zufrieden und wollten mich nicht auf der Wählerliste haben. Die Beratergruppe, die sich aus den Leitern der Region zusammensetzt – es gibt dreißig Gebiete aus verschiedenen Regionen, in denen sie die Mitglieder vertreten – hielt eine Sitzung ab, in der Luiz Carlos ihnen vorschlug, für ihn – er war einer der Pioniere und ist heute mein Vizepräsident – und für mich zu stimmen. Es war eine geheime Wahl, die Stimmen wurden ausgezählt und ich wurde erneut gewählt.

Ich musste also bis zur Versammlung drei Prozesse durchlaufen. Man hatte uns gesagt, dass es eine Oppositionsgruppe geben würde, aber während der Versammlung stellten sie fest, dass die große Mehrheit mich unterstützte, diese Oppositionsgruppe akzeptierte mich und ich wurde zur Präsidentin gewählt.

Wenn du fragst, wie wir Vertrauen gewonnen haben. Es geht um den Dialog und darum, Ergebnisse zu zeigen.

Was die Frauen und ihren Besitz angeht, so stellen wir derzeit fest, dass die am Prozess beteiligten Farmen die am weitesten entwickelten in Coopfarm sind. Sie sind verbunden und arbeiten Hand in Hand. Wir haben festgestellt, dass Frauen, die sich in ihren Betrieben engagieren, zusammen mit ihren Männern und Kindern viel bessere Ergebnisse für ihre Familien erzielen, auch in Bezug auf die Finanzen Wir haben mehrere Beispiele für diese Situation.


Wir sind jetzt auf einem guten Weg. Wenn wir als Organisation mit fairem Handel arbeiten, sprechen wir über all die Erfolge, aber es gibt natürlich auch immer Herausforderungen. Welche sind das?

Ich denke, der Markt ist die größte Herausforderung, mit der wir derzeit konfrontiert sind. Die Preise [für Kaffee] sind gestiegen und der Gedanke an fairen Handel, Bio hat diese ideologische Vision. Die Produktionskosten für fair gehandelten Kaffees sind ebenfalls stets hoch. Die meisten unserer Bauern leben vom Kaffee, deshalb müssen sie nachhaltig wirtschaften. Wenn die Kosten sehr hoch sind, besteht die Schwierigkeit für uns als Kooperative darin, dass der Markt nicht viele Standards für konventionelle Kaffees setzt. Ja, eigentlich gibt es gar keine Standards.

Und hier beim fairen Handel haben wir all diese Standards, die umgesetzt werden müssen. Das ist die größte Herausforderung, vor allem im letzten Jahr, als es fast keine Preisdifferenzierung gab. Der Preis für fair gehandelten Kaffee blieb sehr nah an dem konventionell gehandelter Kaffees und viele Leute haben die Kooperative verlassen, weil sie da draußen keine Standards einhalten müssen.

Wir sagen immer, dass wir das Bewusstsein für den Genossenschaftsgedanken und die Zusammenarbeit schärfen müssen, um zu verstehen, dass wir uns seit vielen Jahren von den anderen unterscheiden. Es gibt eine Familie, die sich der Kooperative angeschlossen hat, und das Ehepaar erzählt voller Emotionen, wie wichtig es war, etwas über fairen Handel, Umweltschutz und Umweltstandards zu lernen. Und wie sich ihr Leben dadurch verändert hat. Für sie ist das ein großer Schatz. Es gibt viele Familien, die so denken. Sie werden die Kooperative nicht wegen der aktuellen Situation verlassen. Sie schätzen alles, was fairer Handel ihnen bietet, und das ist für sie sehr wichtig. Sie sagen: Was wäre aus uns geworden, wenn es die Kooperative nicht gegeben hätte?


Bist du der Meinung, dass der Mindestpreis für Kaffee im Rahmen des fairen Handels in der gegenwärtigen Situation steigen sollte? 

Ich glaube nicht, dass dies eine Lösung ist. Ausgehend von der bisherigen Entwicklung glaube ich, dass der Preis nicht gleich bleiben wird. Die Dinge sind sehr ungewiss, Dinge haben sich sehr verändert. Der Preis ist bereits sehr stark gefallen, und die Tendenz ist, dass er weiter fällt. Wir haben eine Aufzeichnung, die wir vor einigen Tagen unseren Mitgliedern vorgelegt haben, und wir sehen, dass die meisten, nämlich 90 %, einen deutlichen Unterschied verzeichneten.


Wie siehst du die Zusammenarbeit zwischen Coopfam und Tchibo?

Es ist eine Partnerschaft, die wir sehr zu schätzen wissen. Wir würdigen sie von Anfang an. Sie war unerlässlich, um dorthin zu gelangen, wo wir heute sind und das zu erreichen, was wir heute erreicht haben. Warum gibt es Coopfam? Um unserer Arbeit Kontinuität zu verleihen. Tchibo ist sehr wichtig, um all das zu bieten, wovon wir geträumt haben. Coopfam wurde gegründet, um unseren Familien mehr Entwicklung und eine bessere Lebensqualität zu bieten. Das hat von Anfang an Wirkung gezeigt und wird sicherlich auch so bleiben. Wir wollen das an unsere Erben weitergeben. Ich bin heute hier, in der Zukunft werde ich es nicht mehr sein, andere Menschen werden unsere Mission übernehmen und erfüllen. Deshalb ist es wichtig, die Rolle unseres Partners weiterzugeben, denn Tchibo war für alles, was wir getan haben, von wesentlicher Bedeutung. Sicherlich werden wir für diese Partnerschaft immer dankbar sein.


Wenn du in die Zukunft blickst - was ist deine Vision für die Zusammenarbeit mit euren größeren Kunden, größeren Röstern? Was muss geschehen, um eine gute Beziehung fortzusetzen? 

Ich denke, wir brauchen den Dialog, wir müssen uns kennenlernen, mehr miteinander reden und uns verstehen, um die Bedürfnisse zu erfüllen und die Realität unserer Landwirte kennenzulernen. Das ist sehr wichtig. Wenn man den gesamten Prozess kennt, all die Veränderungen, die in diesem Umfeld stattfinden, sieht die Vision ganz anders aus.


Vielen Dank für das nette Gespräch Vânia!

Unterstützung und Übersetzung von Cassio Franco Moreira und Katharina Heye.

Übrigens: Dass BARISTA fair sein soll, war von Anfang an Teil des Konzepts, seit Launch des ersten BARISTA Produktes in 2010 setzen wir daher ausschließlich fair gesiegelten Kaffee ein. 2021 wurden so durch alle BARISTA Genießer*innen eine Fairtrade Prämie von 1,8 Millionen US-Dollar für Gemeinschaftsprojekte in den Kaffee-Ursprungsländern generiert.

Good to know:

Alle unsere BARISTA sind Fairtrade-zertifiziert und die Kooperative Coopfarm ist ein wichtiger Produzent für unsere Kaffees. BARISTA Fairtrade steht für:

  • die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Standards
  • stabile Mindestpreise plus eine zusätzliche Fairtrade-Prämie für Gemeinschaftsprojekte
  • verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen