Diverse Gruppe bei einem kreativen Workshop
Podcast

#82 WE steht für WIR

Unser WE Programm ist ein Wir-Programm. Es steht für „wir Menschen handeln gemeinsam“ und verbessern die Arbeitsbedingungen derjenigen, die für uns nähen, färben, schrauben. Gleichzeitig müssen wir Menschenrechtsverletzungen in eben diesen Fabriken vorbeugen. Keine leichte Aufgabe, aber eine, der sich Tchibo seit 15 Jahren mit dem WE Menschenrechtsprogramm verschrieben hat. Wie das funktioniert, und warum jetzt alles anders wird, erklären Eike Hellen Feddersen, Projektmanagerin in der Initiative Globale Solidarität bei der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und Tianne Groeneveld, Head of Human Rights bei Tchibo in der neuen Folge „5 Tassen täglich“. Solltet ihr Unternehmensvertreter sein und hellhörig geworden: Wir brauchen euch, hört bitte mal rein.

Seiner Zeit voraus

2008 haben die GIZ und Tchibo das WE Programm gemeinsam ins Leben gerufen. Mittlerweile profitierten Tausende Angestellte in 436 Fabriken in elf Produktionsländern davon.

Vor 15 Jahren waren wir unserer Zeit voraus: Die Verantwortung von Unternehmen für ihre Lieferkette war noch gar nicht richtig definiert. Erst 2011 haben wir mit den UN-Leitsätzen für Wirtschaft und Menschenrechte den Sorgfaltspflichtenansatz kennengelernt. Der Einsturz der Fabrik Rana Plaza 2013 in Bangladesch war dann schließlich ein Wake up Call und hat dafür gesorgt, dass wir hier und heute das Thema ganz anders diskutieren.
Eike Feddersen, Projektmanagerin für Menschenrechte und Umweltschutz in Lieferketten bei der GIZ
Zwei Personen mit Streifenshirts, Text „Fünf Tassen täglich“

Ein Ansatz auf Augenhöhe

Im WE Programm werden die Menschen vor Ort in die Lösungsfindung einbezogen und können die Zukunft der Fabrik mitgestalten. Statt also nur den Istzustand in den Fabriken zu dokumentieren, setzt das Programm bei den Ursachen von Menschenrechtsverletzungen an und schafft so echte Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter an den Produktionsorten.

Das WE steht ganz bewusst für Wir. Wir alle kommen als Menschen zusammen, um die Veränderung voranzubringen. Es geht darum, dass Menschen eine menschenwürdige Arbeit haben und einen Arbeitsplatz, der sicher ist und bei dem sie gut arbeiten können.
Tianne Groeneveld, Leiterin der Menschenrechtsabteilung bei Tchibo

Rechte kennen und Ansprüche formulieren

Das WE Programm ist kein starres Programm, das man auf alle Länder ausrollen kann. Jeder Arbeitsplatz, jede Fabrik ist anders – so gibt es automatisierte Fabrikprozesse, ebenso wie Fabriken, in denen zum Beispiel noch von Hand genäht wird.

Wir schauen immer auf den lokalen Kontext. Was braucht es im Land? Was in der speziellen Fabrik? Daraufhin passen wir die Inhalte und die Herangehensweisen an. 
Tianne Groeneveld, Leiterin der Menschenrechtsabteilung bei Tchibo

Es gebe aber auch Themen, die in vielen Fabriken immer wieder auftauchen, so Tianne Groeneveld:

Dazu gehören Fragen wie, gibt es an meinem Arbeitsplatz genügend Schutzvorrichtungen? Habe ich zum Beispiel für meine Maschine Schutzhandschuhe, die ich anziehen kann? Gibt es die Möglichkeit, eine Repräsentanz für mich und meine Belange zu organisieren? Wie schaffe ich es eigentlich mit meinem Lohn über die Runden zu kommen? Oder auch, wie schaffe ich es, dass die Löhne insgesamt steigen?
Tianne Groeneveld, Leiterin der Menschenrechtsabteilung bei Tchibo

Das WE Programm öffnet seine Türen

Um einen Branchenwandel weiter voranzutreiben, braucht es aber mehr Unternehmen, die an den Ursachen und Lösungen arbeiten - und da spielt die Privatwirtschaft eine große Rolle.

Wir haben ein klares Verständnis dafür, dass große Herausforderungen dieser Zeit eben nur gemeinsam mit dem Privatsektor adressiert werden. Wir sind die Partnerschaft mit Tchibo damals eingegangen, da wir ein gemeinsames entwicklungspolitisch Interesse gesehen haben. Tchibo hat den Ansatz weiterentwickelt und in die Breite getragen. Wir sehen das WE Programm wirklich als eine große Erfolgsgeschichte und auch als ein Modell geteilter Verantwortung.
Eike Feddersen, Projektmanagerin für Menschenrechte und Umweltschutz in Lieferketten bei der GIZ

Nun öffnen wir das WE Programm für weitere Partnerunternehmen, sodass zukünftig noch mehr Zulieferfabriken und deren Mitarbeitende Teil des WE Programms werden können. Seid ihr dabei?

Auch die anderen, die jetzt 15 Jahre lang in ihren Lieferketten unterwegs waren, haben viel gelernt. Wir wollen den Input von anderen Unternehmen gerne in das Programm aufnehmen und all das Wissen zusammenzuführen, um das WE Programm noch stärker zu machen.
Tianne Groeneveld, Leiterin der Menschenrechtsabteilung bei Tchibo

Auch in Zukunft wird das WE Programm ein fester Bestandteil des sozialen Engagements von Tchibo sein – und hoffentlich auch bei vielen weiteren Unternehmen.

Hier geht es zur neuen Folge:

Transkript

Tianne: [00:00:03] Das WE steht ganz bewusst für wir, also auf Englisch. Wir. Und das symbolisiert, dass wir alle als Menschen zusammenkommen, um die Veränderung voranzubringen. Es geht ja darum, hast du schon gesagt, dass Menschen eine menschenwürdige Arbeit haben oder einen Arbeitsplatz haben, der sicher ist und bei dem sie gut arbeiten können. Und mit dem WE Programm verfolgen wir genau das sind die Menschen, die für uns in den Tchibo Lieferketten arbeiten, denen einen guten und sicheren Arbeitsplatz zu ermöglichen.

 

Speaker2: Wir haben hier natürlich Lernerfahrungen aus 15 Jahren, das ist immens. Und wir schätzen sehr, dass Tchibo das auch jetzt so offen teilt. Wie gesagt, das ist auch eine Erwartung von uns, aber es ist trotzdem in der Intensität wichtig, wo damit reingeht. Sehr begrüßenswert. Und wir denken, dass hier andere Unternehmen sich anschließen sollten, um wirklich diese Lernerfahrung in Werk zu setzen.

 

Speaker1: Es geht auch darum, dass wir den Input von anderen Unternehmen auch gerne in das Programm reinbekommen wollen, Also auch die anderen Organisationen und Unternehmen, die jetzt 15 Jahre lang in ihren Lieferketten unterwegs waren, haben auch ganz viel gelernt. Und das ist auch so die Intention zu sagen, können wir das zusammenführen, um das WE Programm noch stärker zu machen. Und letztendlich ist es ja auch egal, ob es das WE Programm ist oder was auch immer für ein Programm. Es geht ja darum, dass wir wirklich Wirkung für die Menschen vor Ort schaffen. Und das ist das, woran wir glauben und das, was wir mit der Zusammenarbeit erreichen wollen.

 

Ralf: [00:01:35] Wenn ihr jetzt gerade euren Kaffee schlürft, dann kommt der mit dieser Podcastfolge ganz schön rum. Gedanklich reisen wir jetzt zusammen nach Bangladesch, China, Indien und Vietnam. Und Tianne, Dir fallen bestimmt noch mehr Länder ein, zu denen wir jetzt zum Thema passend heute reisen können.

 

Tianne: [00:01:52] Ja, wir könnten auch nach Kambodscha zum Beispiel oder in die Türkei.

 

Ralf: [00:01:56] Es geht heute bei fünf Tassen täglich um Menschenrechte, genauer gesagt die Einhaltung von Menschenrechten in den Fabriken. Keine Verbraucherinnen, kein Verbraucher möchte doch ein T-Shirt tragen, dessen Näherinnen in irgendeiner Form ausgebeutet wurde. Oder? Was etwa könnte in einer Fabrik alles passieren? Und werden unsere Kleidungsstücke tatsächlich noch alle per Hand gesponnen, gefärbt, genäht? Auch das ist ja eigentlich unvorstellbar. Ich bin Ralph Podzus und bei mir sind Eike Helen Feddersen. Hi, Grüß.

 

Eike: [00:02:26] Dich! Hallo zusammen, freut mich, dass ich hier bin heute.

 

Ralf: [00:02:30] Und Tianne Groeneveld Sie habt ihr eben schon gehört. Moin.

 

Tianne: [00:02:34] Moin, Moin, Hi. Auch von meiner Seite.

 

Ralf: [00:02:36] Eike ist in Bonn und da bist du bei der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Deine Aufgabe Managerin für Menschenrechte und die Lieferkette. Habe ich das jetzt richtig zusammengefasst?

 

Eike: [00:02:49] Ja, also ich Manager Weniger Menschenrechte noch eine Lieferkette als Dienstleistung zusammengefasst. Die GIZ, das ein Dienstleister für internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung. Und konkret geht es in meiner Rolle dann darum, im Auftrag der Bundesregierung und im Kontext der deutschen Entwicklungszusammenarbeit faire Arbeitsbedingungen insbesondere von Frauen, die Beachtung von Menschenrechten, aber auch den Schutz der Umwelt und Klima in globalen Liefer- und Produktionsnetzwerken wie der Textil- der Elektronikindustrie voranzubringen.

 

Ralf: [00:03:24] Und ich freue mich auf Tianne. Nach ganz langer Zeit bist du mal wieder am fünf Tassen täglich Mikro Ja?

 

Tianne: [00:03:30] Hi, ich freu mich auch, dass ich wieder hier sein darf.

 

Ralf: [00:03:33] Das ist schon über zwei Jahre her, dass du mich in diesem Podcast besucht hast. Hört gerne mal rein in die interessante Folge. Truemorrow - wie ein nachhaltiger Ansatz mehr Transparenz beim Kaffee schaffen will. Damals haben wir darüber geredet, wie Farmer und Farmer ihnen in verschiedenen Ländern besser geholfen werden kann und wie das auch der Schlüssel für eine nachhaltigere Welt sein kann. Und da sprachen wir dann natürlich auch über nachhaltigen Kaffeeanbau. Kannst du dich noch daran erinnern, Tianne?

 

Tianne: [00:03:59] Ja, sehr gut. Kann ich mich dran erinnern? Den Truemorrow Ansatz gibt es auch noch bis heute. Das freut mich sehr. Natürlich.

 

Ralf: [00:04:05] Mittlerweile hast du die Position Head of Human Rights inne. Was hat sich für dich geändert und wo ist dein Aufgabenschwerpunkt jetzt?

 

Tianne: [00:04:13] Also Ralf, seitdem wir das letzte Mal zusammensaßen, habe ich erst mal eine wunderbare, gesunde Tochter bekommen.

 

Ralf: [00:04:19] Oh, herzlichen Glückwunsch. Cool.

 

Tianne: [00:04:20] Dankeschön.

 

Ralf: [00:04:21] Da kann man jetzt auch sagen Deine Tochter, die kennt noch keine andere Welt als den fünf Tassen täglich Podcast.

 

Tianne: [00:04:27] Ja klar, die wird damit gleich aufgezogen und die ist jetzt auch mittlerweile schon über zwei Jahre her. Also es ist tatsächlich ein bisschen her, dass wir zusammensaßen und bei Tchibo bin ich jetzt seit ein paar Monaten wieder zurück aus der Elternzeit und bin jetzt mit meinem Team für das Thema Menschenrechte zuständig. Das war im Kaffee ja auch schon Thema. Darüber haben wir ja auch gesprochen und es ist auch in unseren Non Food Lieferketten ein großes Thema. Und unser Team ist sozusagen die Schnittstelle, wie wir die Programme entwickeln können für diese verschiedenen Lieferketten.

 

Ralf: [00:04:56] Ja, wir halten jetzt gerade alle Schilder mit dem Wort Kaffee hoch. Stimmt, wir sollten unsere Tassen mal wieder füllen, gerade zum Start jetzt. Sonst schaffen wir nicht fünf Tassen täglich. Womit starten wir? Was trinkt ihr gerne?

 

Eike: [00:05:08] Also ich. Immer Cappuccino. Morgens, mittags, abends. Ich bin gerade beim Kaffee. Crema ohne Milch nach dem Mittagessen.

 

Ralf: [00:05:15] Und wie viele Tassen werden das so tagsüber bei euch? Morgens, mittags, abends sind schon mal mindestens drei.

 

Eike: [00:05:20] So sieht es aus.

 

Tianne: Ja, Das schaffe ich nicht alleine. Schafft drei. Ich schaffe höchstens zwei. Eine nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen.

 

Ralf: [00:05:26] Zusammen sind das fünf und dann passt das zu fünf Tassen täglich. Ich freue mich auch selber, diesen norddeutschen Podcast alleine schon mit euren Namen Eike, sehr norddeutscher Vorname, und Tianne.

 

Tianne und Eike: [00:05:36] Klingt gut zusammen. Ja.

 

Ralf: [00:05:38] Es gibt ein kleines Jubiläum, das Tchibo will Menschenrechtsprogramm. Darüber haben wir übrigens auch schon mal mit der Schauspielerin Leslie Malten gesprochen. Und Janne, deine Tchibo Kollegin Julia Timm, die war da auch dabei. Warum die Film- von der Fashionbranche lernen kann, Das ist der Titel der Podcast Folge. Also das wie Programm. Das gibt es schon etwas länger und feiert jetzt sein 15-jähriges Jubiläum. Ist es nun ausgewachsen oder in der Pubertät?

 

Tianne: [00:06:04] Oh, das ist eine schöne Frage. Ich würde sagen so und so! Also die 15 Jahre haben uns natürlich schon total geholfen, ganz viele Erfahrungen auch in das Programm zu integrieren und insofern ist es schon ein gewachsenes Programm. Ausgewachsen würde ich nie sagen, weil es auch leider auf der Thematik Menschenrechte immer noch genug zu tun gibt und somit auch das Programm immer noch erforderlich ist oder auch andere Maßnahmen. Und auf der anderen Seite ist es ja trotzdem noch ein ganz frisches Programm in seiner Struktur und in der Art und Weise. Wie wir das machen. Wir sind immer dabei, neue Ansätze auch in das Programm zu integrieren, neue Kenntnisse, die man so über Verhaltenspsychologie hat oder auch wie Veränderungen bei Menschen bewirkt werden, kommen immer wieder in das Programm rein. Und das ist dann immer eine Sturm- und Drangphase, so die typische Pubertät.

 

Ralf: [00:06:51] Was genau ist das? Wie Programm? Wofür steht das Wie?

Tianne: [00:06:54] Das W steht ganz bewusst für Wir, also auf Englisch Wir. Und das symbolisiert, dass wir alle als Menschen zusammenkommen, um die Veränderung voranzubringen. Es geht ja darum Hast du schon gesagt, dass Menschen eine menschenwürdige Arbeit haben oder einen Arbeitsplatz haben, der sicher ist und bei dem sie gut arbeiten können. Und mit dem Programm verfolgen wir genau das, also die Menschen, die für uns in den die Lieferketten arbeiten, denen einen guten und sicheren Arbeitsplatz zu ermöglichen.

 

Ralf: [00:07:21] Warum habt ihr das Programm 2008 ins Leben gerufen? Fabriken und Produktionsstandorte werden doch sowieso regelmäßig geprüft. Reicht das nicht?

 

Tianne: [00:07:30] Ja, also wir haben damals das Programm ins Leben gerufen, weil wir gemerkt haben, dass diese punktuellen Audits, die es gibt, nicht ausreichen, um die Themen, auch um die Lösung, auch vor allem zu entwickeln. Da wird dann vor allem eine Bestandsaufnahme gemacht in der Fabrik mit einem Audit. Aber das heißt ja noch nicht, dass die Dinge sich wirklich vor Ort verbessern. Und mit dem Programm wollten wir da ansetzen, um langfristig mit den Menschen das zu ermöglichen, etwas zu verbessern in ihren Arbeitsplätzen.

 

Ralf: [00:07:57] Eike Ihr von der GIZ wart vor 15 Jahren beim Start mit dabei. Wie und warum? Also du warst zwar damals noch nicht bei der GIZ, Tianne auch noch nicht bei Tchibo. Was wisst ihr von den Anfängen?

 

Eike: [00:08:08] Also wir waren von Anfang an dabei und haben uns ganz bewusst für dieses Programm entschieden. Dafür muss man ein bisschen auch den Hintergrund verstehen, in dem wir als Entwicklungszusammenarbeit agieren. Für uns ist die Rolle der Privatwirtschaft eine ganz Große im Kontext der nachhaltigen Entwicklung. Und wir haben ein relativ klares Verständnis dafür, dass große Herausforderungen dieser Zeit eben nur gemeinsam mit dem Privatsektor auch adressiert werden können wie der Klimawandel, aber eben auch wie nachhaltige Lieferketten. Und wir haben im Auftrag des Entwicklungsministeriums verschiedene Kooperationsformate und Förderprogramme, um mit der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten. Und mit WE oder mit Tchibo. Bzw. Haben wir eine Entwicklungspartnerschaft gegründet vor dem Hintergrund, dass wir hier ein gemeinsames entwicklungspolitisch Interesse gesehen haben. Also wir haben gesehen, dass wir Arbeitsbedingungen in Fabriken durch Dialog verbessern möchten und in dem Kontext auch einen neuen Ansatz erproben. Und unsere Erwartung, wenn wir in solche Projekte reingehen, hier geht es eben auch um Steuergelder, die wir nutzen dafür ist das nach erfolgreicher Umsetzung dieser Programme auch übernommen werden von Unternehmen und dann idealerweise in die Breite getragen werden. Genau. Und das haben wir hier gesehen, das große Potenzial dafür. Wir haben gesehen, das ist wirklich ein Win Win Projekt sein kann, weil wir relevante Expertisen auf beiden Seiten mitbringen. Und wir wurden mit dieser Erwartung auch nicht enttäuscht.

 

Ralf: [00:09:28] Eike Was ist die Initiative Globale Solidarität? Wo bist du normalerweise unterwegs?

 

Eike: [00:09:34] Ja, die Initiative Globale Solidarität. Wir sagen auch IGS ist das Projekt, in dem ich heute arbeite. Und wir fördern im Auftrag des Entwicklungsministerium die Umsetzung menschenrechtlicher und ökologischer Sorgfaltspflichten in globalen Lieferketten und dazu harmonisierende bewährte Ansätze tragen sie in die Breite. Und wir arbeiten im Kontext deutschen Lieferketten, Sorgfaltspflichten, Gesetzes und auch ähnlichen geplanten Regulierungen auf EU-Ebene. Und für die Hörerinnen, die davon noch nichts gehört haben: Das Gesetz fordert Unternehmen auf, menschenrechtliche, ökologische und Klimarisiken in ihren Lieferketten zu analysieren, angemessene Maßnahmen für Prävention und Abhilfe zu ergreifen und deren Wirksamkeit zu überprüfen und das in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess und als Teil der IGS. Weil du gefragt hast, Wo bist du unterwegs, bin ich mit meinem Team eigentlich in allen Weltregionen unterwegs, weil Lieferketten natürlich die ganze Welt umspannen, im Schwerpunkt aktuell in Bangladesch, Vietnam, Kambodscha und Serbien. Aber da kommen auch weitere Länder gerade dazu. Und für uns ist es einfach enorm wichtig, vor Ort präsent zu sein, um wirklich die Anforderungen Herausforderung vor Ort auch zu verstehen und die Perspektiven der Produktionsländer eben auch in den Ansätzen sehr stark mitzudenken. Ganz konkret arbeiten wir in vier Bereichen. Wir unterstützen einkaufende und produzierende Unternehmen, die Risiken in den Lieferketten gemeinschaftlich anzugehen. Und dafür setzen wir sogenannte Modelle geteilter Verantwortung zwischen den beiden Akteursgruppen um und vielleicht auch als kleine Sneak. Das WE Programm kann durchaus als ein solches Modell auch verstanden werde. Aber in unserem Projekt haben wir ganz konkret das Ziel, dass 500.000 Arbeiterinnen weniger Risiken am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Der zweite Bereich ist das Thema Transparenz in Lieferketten. Um Sorgfaltspflichten erfüllen zu können, ist Transparenz und Verfügbarkeit zuverlässiger Daten eine enorm wichtige Voraussetzung. Und vor dem Hintergrund fördern wir die Entwicklung und Verbreitung von offenen Datenstandards zur Erfassung sozialer und ökologischer Indikatoren. Mit dem Ziel, dass eine fundierte Risikoanalyse möglich ist und Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit damit auch messbar gemacht werden können. Vor Ort arbeiten wir vor allem daran, lokales Wissen zu Sorgfaltspflichten zu schaffen. Was ist dieser Ansatz? Wir richten dafür lokale Helpdesks ein, mit lokalen Verbänden und Kammern, die informieren, sensibilisieren und beraten über die Standards und Anforderungen von Sorgfaltspflichten. Und der letzte Bereich sind die Beschwerdemechanismen. Beschwerdemechanismen sind auch nach dem Gesetz eine Anforderung, die an die deutschen Unternehmen gestellt werden. Und auch ich denke, in dem Kontext kommen wir noch übers WE ins Gespräch. Aber es geht eben darum, dass Beschäftigte in der Lieferkette die Möglichkeit haben, Verstöße gegen Arbeit- und Umweltstandards zu melden. Und auch hier haben wir den Anspruch, 500.000 Arbeiterinnen einen verbesserten Zugang zu effektiveren Beschwerdemechanismen zu geben, und agieren hier besonders auch im Sinne einer feministischen Entwicklungspolitik. Dazu gehört es eben, dass wir Arbeiterinnen, insbesondere Frauen, über ihre Rechte informieren oder auch lokale Repräsentation von Arbeiterinnen, insbesondere Gewerkschaften, stärken.

 

Ralf: [00:12:39] Eike, du hast es ja eben schon gesagt, die Welt ist dein Zuhause. Du bist an sehr vielen verschiedenen Orten und Punkten auf der Erde unterwegs. Serbien, Kambodscha usw. Wenn man jetzt so viel rumkommt und rumreist und auch immer das Leben vor Ort sieht und auch aktiv mitgestaltet, dann fasst man sich mitunter auch an den Kopf, wenn man wieder zu Hause ist und denkt nur Ey Leute komm, das muss doch jetzt einfach mal viel besser werden. Das kann nicht euer Ernst sein. Ist das noch mal anpacken?

 

Eike: [00:13:04] Stimmt, absolut. Nein, absolut. Ich meine, man versteht natürlich auch die Komplexität der Dinge und die Vielschichtigkeit.

 

Ralf: [00:13:12] Deswegen gucken wir jetzt mal, wo stehen wir heute? Ich habe es ja am Anfang unseres Gespräches kurz angerissen Was sind denn typische Probleme in den Fabriken?

 

Tianne: [00:13:21] Also da kann ich, glaube ich, gut aufbauen auf dem, was ich schon gesagt hat. Also jeder Arbeitsplatz, jede Fabrik ist erst mal anders. Das ist die Komplexität, mit der wir konfrontiert sind. Und es ist wirklich auch ganz unterschiedlich, was man vor Ort vorfindet. Es gibt ganz automatisierte Fabrikprozesse oder viele Produkte, die schon ganz maschinell hergestellt werden. Auf der anderen Seite gibt es auch gerade im Textilbereich noch Fabriken, wo die Näherinnen oder auch Näher, aber es sind vor allem Frauen an ihren Nähmaschinen sitzen. Und die Produkte oder die T-Shirts haben wir mal bei einem T-Shirt Beispiel noch mal in Handarbeit zusammennähen. Und so divers sind auch die Herausforderungen, die man dann vor Ort findet, also da, wo es viele Menschen gibt. Dann gibt es natürlich auch die Themen, die wir auch von unseren Organisationen teilweise kennen, aber natürlich in einer ganz anderen Intensität, Also da immer, wo Machtverhältnisse aufeinandertreffen oder wo es Machtgefälle gibt, gibt es auch die Schwierigkeiten von Diskriminierung oder jegliche Form von Belästigung. Es gibt das große Thema Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz. Was passiert eigentlich an meinem Arbeitsplatz? Sind da genug Schutzvorrichtungen? Habe ich zum Beispiel für meine Maschine so Schutzhandschuhe, die ich einfach anziehen kann? Habe ich irgendwie entsprechende Masken, wenn ich mit Chemikalien arbeite? Und dann gibt es aber auch noch größere politische Fragestellungen. Also wenn ich jetzt eine Arbeit in einer Fabrik bin, habe ich die Möglichkeit, mich zu organisieren, also eine Repräsentanz für mich auch oder für meine Belange auch zu organisieren. Das ist das ganze große Thema Gewerkschaftsfreiheit, Versammlungsfreiheit und noch ein großer Themenblock, den wir auch im WE Programm adressieren, ist das Thema der Einkommen. Also wie schaffe ich es eigentlich, mit dem Lohn, den ich erhalte, über die Runden zu kommen? Wie schaffe ich es auch, dass vielleicht die Löhne insgesamt steigen? Was kann da meine Fabrik, auch mein Arbeitsplatz auch für mich tun?

 

rALF: [00:15:06] Das WE Programm findet aktuell in sieben Ländern statt Bangladesch, China, Indien, Kambodscha, Pakistan, Türkei und Vietnam. Über 400 Fabriken wurden erreicht. Da kann man doch sagen, das ist schon eine Leistung nach so einer Zeit. Hat sich denn aus deiner Sicht etwas in den vergangenen Jahren verbessert? Und was ist besser am WE Programm als an anderen Ansätzen?

 Eike: [00:15:30] Ja, man muss sich echt mal überlegen, wo wir herkommen. Also 2008 haben wir das WE Programm ins Leben gerufen und waren da ehrlicherweise schon ziemlich unserer Zeit voraus. Also zu dem Zeitpunkt war die Verantwortung von Unternehmen für ihre Lieferkette in der Dimension noch gar nicht definiert. Wir haben erst 2011 mit den UN-Leitsätzen für Wirtschaft und Menschenrechte den Sorgfaltspflichten Ansatz kennengelernt, aber weiterhin auch als eine freiwillige Empfehlung. Und so richtig der Gamechanger war dann vielleicht Rana Plaza in 2013. Das war wirklich so ein Wake up Call, dass eben diese Fabrik in Bangladesch eingestürzt ist und über 1000 Arbeiter*innen ihr Leben verloren haben. Und das hat dann wirklich so was losgetreten, dass wir auch das Thema hier ganz anders diskutieren. Und es wurden wichtige Initiativen auch ins Leben gerufen, auch von der Bundesregierung, wie das Textilbündnis oder der grüne Knopf, aber auch andere relevante Initiativen wie den internationalen Accord. Und wir haben auch gesehen, dass sich natürlich seitdem, dass da viel passiert, ist und vor allem, dass Unternehmen einfach ein anderes Bewusstsein haben. Auch engagieren. Und wir haben Deutschland auch in einer Erhebung, aber gesehen im Kontext vom Deutschen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte. Das ist immer noch nur ein kleiner Anteil an deutschen Unternehmen ist, die sich wirklich mit diesem Thema auseinandersetzen und Verbesserungen in ihren Lieferketten selbst vorantreiben. Das heißt, jetzt sind wir wirklich noch mal einen Schritt weiter, natürlich mit dem Gesetz, auch mit einer Verbindlichkeit. Wir sehen, dass es Wandel im Bewusstsein gibt, aber wir sehen, dass auch noch ziemlich viele dicke Bretter gebohrt werden müssen. Was eben das Besondere an dem Ansatz ist, dass man mit dem Fabrikmanagement und den Arbeiterinnen auf Augenhöhe zusammenarbeite, dass Vertrauen aufgebaut wird durch innovative Methoden und beide Seiten motiviert werden, Lösungen für bessere Arbeitsbedingungen in Fabriken zu identifizieren. Und das hatte Tianne ja am Anfang auch schon gesagt, dass wir hier eben ein Über den Audit Ansatz hinaus entwickelt haben. Genau von daher, weil auch Tchibo den Ansatz übernommen hat, weiterentwickelt hat, in die Breite getragen hat. Sehen wir das wirklich auch als eine große Erfolgsgeschichte und in dem Sinne auch als ein Modell geteilter Verantwortung. Herausforderungen, die immer noch bleiben, ist die Frage Wie wird die Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes gesichert? Unsere Beobachtung ist, wir sind ja auch im Kontext der Beschwerdemechanismen unterwegs, dass oft eine große Fluktuation der Belegschaften gibt in den Fabriken, dass das Management auch nicht immer die Ownership zeigt, die man sich wünscht, und dass es daher einfach schwer ist,

langfristig Beschwerdestrukturen zu etablieren. Und die andere Frage ist immer, welche Rolle spielen lokale Gewerkschaften und gewählte Interessensvertretungen und wie werden diese in das Programm mit einbezogen? Aber dafür haben wir GIZ und Tchibo uns ja auch 2018 in Myanmar wiedergetroffen. Und da das WE Programm für den lokalen Kontext angepasst zum sozialen Dialog und die Einbeziehung von Gewerkschaften vor Ort.

 

Tianne: Das ist ja auch das Schöne am Programm, würde ich so aus meiner Perspektive sagen, dass es halt kein starres Programm ist, das man so auf alle Länder einfach ausrollen, sondern dass wir wirklich sehr konkret immer darauf schauen, was braucht der lokale Kontext oder auch ein Land, in dem Fall, aber auch was braucht es dann in der speziellen Fabrik? Und daraufhin passen wir auch die Inhalte und die Angehensweisen auch an.

 

Ralf: [00:18:41] Welche anderen Ansätze oder Programme in der Industrie gibt es denn noch? Welche kennt ihr?

 

Tianne: [00:18:46] Jetzt, wo wir als Tchibo noch viel Potenzial auch sehen, sind die Industrieweiten zusammenarbeiten, die auch passieren. Also eine Motivation für uns, auch das Programm auszugliedern aus Tchibo heraus ist ja genau das, dass wir auch mit anderen Organisationen oder Unternehmen dadurch besser zusammenarbeiten können. Und das hat sich für uns sehr bewahrheitet, dass es da in dieser Zusammenarbeit viel mehr auch, dass da auch dadurch viel mehr erreicht werden kann, als wenn man sich das Akkordbündnis anschaut, was voriges Jahr zum Thema Gebäudesicherheit in Bangladesch geht oder auch jetzt in Pakistan. Oder wenn es auch um das Thema der existenzsichernden Löhne geht. Da arbeiten wir gerne mit anderen Organisationen, mit anderen Unternehmen und auch unter Einbeziehung der Gewerkschaften zusammen.

 

Eike: Ja, das ist eigentlich ganz spannend. Das fällt ziemlich doll auch in unseren Ansatz bei der Initiative Globale Solidarität, dass wir uns eben anschauen, was gibt es eigentlich schon an guten Ansätzen, die branchenweit agieren, Wie kann man die gegebenenfalls noch weiterentwickeln oder eben auch auf andere Sektoren oder an andere Länder bringen? Und da sehen wir eben eine starke Rolle für uns, für die Entwicklungszusammenarbeit.

 

Ralf: [00:19:47] Wie sieht es außerhalb der oft gerügten Textilbranche aus?

 

Tchibo: [00:19:51] Also Eike ergänzt gleich gerne noch mal Ich erzähl schon mal aus dem Programm heraus. Da ist es so, dass wir das nicht nur bei Textilfabriken machen, sondern das Programm machen wir durchaus auch in Hartwaren, Fabriken zum Beispiel. Also Tchibo verkauft ja nicht nur Kleidung, sondern auch viele verschiedene andere Produkte. Und da geht es auch darum, diese Fabriken, die diese Produkte herstellen, auch und das Programm zu integrieren. Insofern sind wir da nicht industriespezifisch unterwegs.

 

Eike: Ja um das vielleicht zu ergänzen. Ich hatte auch am Anfang schon mal die Rana Plaza und so erwähnt. Das ist eben schon so, dass gerade im Textilsektor viele Initiativen entstanden sind, dass da extrem große Lernerfahrungen, Erfahrungsschatz gibt. Und da sehen wir eben die Rolle, das auch in anderen Sektoren zu bringen, die einfach noch nicht so weit sind. Und das ist wirklich spannend. Also im Textilsektor sehen wir eine andere Kooperationsbereitschaft schon von Firmen, auch eine größere Offenheit, in diesem sogenannten Pre Competitive Space zu agieren, also da wirklich auch zusammenzuarbeiten, um den Hebel bei Lieferanten zum Beispiel zu nutzen. Und von daher wir sehen, dass es in anderen Sektoren durchaus auch noch was zu tun gibt mit Blick auf Industriekollaboration.

 

Q&A

1. Was ist der Fokus des WE-Programms von Tchibo?
Das WE-Programm von Tchibo zielt darauf ab, menschenwürdige und sichere Arbeitsplätze in globalen Lieferketten zu schaffen. Es fördert den sozialen Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Fabrikmanagement und Arbeiter*innen, um bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.

2. Warum wurde das WE-Programm gestartet, obwohl Fabriken bereits geprüft werden?
Tchibo erkannte, dass punktuelle Audits in Fabriken nicht ausreichen, um dauerhafte Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen zu erzielen. Das WE-Programm setzt stattdessen auf langfristige Kooperation und innovative Ansätze zur Problemlösung direkt vor Ort.

3. Welche Rolle spielt die GIZ bei der Umsetzung des WE-Programms?
Die GIZ unterstützt das WE-Programm seit dessen Start im Jahr 2008, basierend auf einer Entwicklungspartnerschaft. Als Dienstleister für internationale Zusammenarbeit hilft die GIZ dabei, faire Arbeitsbedingungen zu schaffen und menschenrechtliche sowie ökologische Standards in globale Lieferketten einzubinden.

4. Welche Industrien profitieren vom WE-Programm?
Das WE-Programm wird nicht nur in der Textilbranche angewendet, sondern auch bei Herstellern von Hartwaren und anderen Bereichen der Tchibo-Lieferkette. Ziel ist es, die gewonnenen Erfahrungen auf verschiedene Branchen und Länder auszuweiten.

5. In welchen Ländern ist das WE-Programm aktiv?
Aktuell arbeitet das WE-Programm in sieben Ländern: Bangladesch, China, Indien, Kambodscha, Pakistan, Türkei und Vietnam. Insgesamt wurden bereits über 400 Fabriken erreicht.

6. Was sind die wichtigsten Herausforderungen beim Thema Nachhaltigkeit von Arbeitsbedingungen?
Zu den Herausforderungen zählen hohe Fluktuation des Fabrikpersonals, mangelndes Engagement des Managements und Schwierigkeiten bei der langfristigen Einrichtung effektiver Beschwerdemechanismen. Hinzu kommen Themen wie Gewerkschaftsfreiheit, Arbeitssicherheit und die Sicherstellung existenzsichernder Löhne.

7. Was ist die Initiative Globale Solidarität?
Die Initiative Globale Solidarität (IGS) ist ein Projekt der GIZ, das im Auftrag des deutschen Entwicklungsministeriums die Umsetzung von menschenrechtlichen und ökologischen Sorgfaltspflichten in globalen Lieferketten fördert. Es unterstützt einkaufende und produzierende Unternehmen bei der Zusammenarbeit und sensibilisiert lokale Akteure für Standards und Anforderungen innerhalb der Lieferketten.