Kaffee & Leidenschaft
what the future needs

Bessere Daten für bessere Projekte

"what the future needs“

Unsere Magazinreihe widmet sich gesellschaftlich, nachhaltig und sozial relevanten Themen, die zum Nachdenken anregen und inspirieren sollen. Ziel ist es, aktuelle Nachhaltigkeitsthemen mit internen und externen Expert:innen kritisch und ehrlich zu beleuchten.

Heute im Fokus:

Enveritas – mit einem Interview mit Gründer David Browning über datenbasierte Ansätze zur Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Kaffeebranche.


Woher kommt Tchibo Kaffee? Wie lässt er sich bis zum Erzeuger zurückverfolgen? Und was sind die dringendsten Nachhaltigkeitsprobleme in den jeweiligen Herkunftsregionen? Um diese Fragen zu beantworten, arbeitet Tchibo mit Enveritas zusammen, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Überprüfung von Nachhaltigkeit widmet. Ein Interview mit David Browning, dem Gründer von Enveritas, über den datengestützten Ansatz der Organisation und die Zukunft der Kaffeezertifizierung.


Wer ist Enveritas?

David Browning: Wir sind eine gemeinnützige Organisation, die Nachhaltigkeitsprüfungen für die Kaffee- und Kakaoindustrie durchführt 1. Wir arbeiten mit führenden Kaffeeröstereien und Schokoladenherstellern zusammen, um die Nachhaltigkeitsprobleme in ihrer Lieferkette auf der Grundlage unserer Standards zu bewerten und zu verstehen. Die Kosten für diese Bewertungen tragen die Kaffeeröstereien und Schokoladenhersteller, nicht die Bauern 2. Die Gewinne gehen nicht an Shareholder. Stattdessen investieren wir sie wieder in unsere eigene Impact-Arbeit, die wir in Vietnam und Ostafrika begonnen haben.

Warum hast du Enveritas gegründet?

David: Nachdem ich über 20 Jahre lang mit Kleinbauern zusammengearbeitet hatte, stellte ich fest, dass traditionelle Ansätze nicht ausreichend Wirkung zeigten. Wir gründeten Enveritas in der Überzeugung, dass wir dank technologischer Fortschritte die Ansätze zur Armutsbekämpfung unter Kaffeebauern radikal verbessern könnten.


David Browning: Enveritas Gründer

David Browning ist Gründer und CEO von Enveritas. Zuvor war er als Senior Vice President of Strategic Initiatives bei TechnoServe tätig. Dort lag der Schwerpunkt seiner Arbeit darauf, die Lebensbedingungen armer Kleinfarmer*innen in Ostafrika zu verbessern. David hat einen Master of Business Administration (MBA) in Advanced Finance von der University of New South Wales und einen MBA von der Yale University.


Wie unterscheidet sich euer Ansatz von gängigen Nachhaltigkeitszertifizierungssystemen?

David: Wir gingen von der Beobachtung aus, dass es der Branche an verlässlichen Daten über die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort mangelte. Die Kaffee-Lieferketten in den Herkunftsländern sind sehr fragmentiert, und für Röster war es schwierig, überhaupt herauszufinden, woher der Kaffee stammt, den sie auf den internationalen Märkten kaufen. Bei ihren Nachhaltigkeitsbemühungen reagierten sie oft auf vereinzelte Berichte, in der Regel Nachrichten oder NGO-Berichte über Armut, Kinderarbeit oder den Einsatz von Pestiziden. Die Daten, auf denen diese Bemühungen beruhten, waren jedoch spärlich und oft unzuverlässig. Um Probleme lösen zu können, muss man wissen, welche Probleme in einem bestimmten Land oder einer bestimmten Region bestehen. Aber wir hatten nicht einmal gute Schätzungen zur Gesamtzahl der Kaffee produzierenden Farmen. Aus unserer Sicht gab es methodische Probleme bei der Zertifizierung, da die Extrapolation aus kleinen Stichproben zu hohen Fehlerquoten führte. Wir versorgen die Röster mit besseren Daten, damit sie ihre Lieferketten besser verstehen und ihre Mittel an die richtigen Stellen lenken können.

Wie macht ihr das?

David: Wir verfolgen einen zwei-gleisigen Ansatz: Erstens führen wir eine große Zahl an Interviews mit Kleinbauern durch. Bei herkömmlichen Zertifizierern sind es übers Jahr vielleicht 5.000 bis 6.000 Audit-Gespräche. Wir kommen im Jahr auf rund 140.000 persönliche Interviews. Dadurch erhalten wir auf authentische Weise viele Informationen darüber, wie Kaffee produziert wird. Zweitens verwenden wir Satellitenbilder und maschinelles Lernen, um festzustellen, wo Kaffee produziert wird, wie groß die Farmen sind und welche Veränderungen beispielsweise in Bezug auf die Entwaldung zu beobachten sind. Im Gegensatz zu gängigen Zertifizierungen handelt es sich bei unserem Ansatz nicht um ein Pass/Fail-System. Wir versuchen, authentisch zu ermitteln, unter welchen Bedingungen Kaffee produziert wurde. Unsere Kunden müssen beispielsweise wissen: Wie hoch ist das Risiko von Kinderarbeit in einer bestimmten Region? Es ist nicht gleich null, aber wie hoch ist es genau? Acht von zehn Farmen oder eine von zehn Farmen? Dann können sie ihre Ressourcen effizienter einsetzen. Die Mittel folgen den Daten, nicht der öffentlichen Aufmerksamkeit.

In wie vielen Ländern seid ihr tätig?

David: Wir haben das Projekt Land für Land aufgebaut und sind jetzt in 34 Ländern vertreten. Wir führen die Interviews jedes Jahr erneut durch.

Wie schafft ihr es, so viele Interviews durchzuführen?

David: Wir beschäftigen etwa 1.000 Mitarbeiter. Die Zertifizierungsunternehmen lagern die Audits an lokale akkreditierte Unternehmen aus. Wir machen das selbst. Alle Auditoren werden jedes Jahr von uns ausgewählt und geschult, und alle Audits finden völlig unangekündigt statt. Wir haben einen sehr klaren Prozess: Alles wird per Satellit gesteuert, dann klopfen wir an die Tür. Wenn sich herausstellt, dass dort kein Kaffeeanbau stattfindet, hilft dies dem Algorithmus für maschinelles Lernen. Eine der Erkenntnisse, die wir gewonnen haben, war: Unsere Auditoren müssen keine Doktortitel haben. In einer Welt der Big Data braucht man einfach mehr Daten. Deshalb setzen wir viele Studenten von Universitäten ein, die eine zweiwöchige standardisierte Schulung durchlaufen. Sie führen in der Regel fünf bis sechs Interviews pro Tag durch, wobei sie ein Einführungsskript und standardisierte einstündige Fragebögen verwenden. Entscheidend ist, dass sie keine Bewertungen vornehmen und keine Werturteile fällen. Dadurch wird der Interessenkonflikt für den Erheber beseitigt. Sie sammeln die Daten, die wir später bewerten und analysieren.


„Wir versorgen die Röster mit besseren Daten, damit sie ihre Lieferketten besser verstehen und ihre Mittel an die richtigen Stellen lenken können.“


Welche Art von Daten sammelt ihr?

David: Wir sammeln eine Fülle von Daten, zum Beispiel darüber, wie viel und welche Arten von Düngemitteln Landwirte verwenden, über Bewässerungssysteme, den Einsatz von Pestiziden, Treibhausgasemissionen oder das Risiko von Kinderarbeit.

Sind die Landwirte nicht skeptisch? Warum sollten sie kooperieren und einem unangekündigten Besucher ihre landwirtschaftlichen Praktiken offenlegen?

David: Im Einführungsskript wird ganz klar gesagt, dass es keine individuellen Konsequenzen für den Landwirt gibt. Wir teilen die Identität der Landwirte, die an den Regionalbefragungen teilnehmen, nicht mit unseren Kunden. Dazu gibt es keinen Anlass. Es handelt sich um eine Stichprobe, nicht um eine Volkszählung. Wir erklären dem Landwirt, dass wir hier sind, um einem breiteren Publikum die Probleme zu erläutern. In den meisten Fällen ist es das erste Mal, dass ein Landwirt nach seiner Meinung gefragt wird, dass jemand wissen will: Was ist dir wichtig? Was sind deine Herausforderungen? Ein Landwirt, der einen Hektar Land besitzt, hat nicht viele Leute, die an seine Tür klopfen und ihn nach seiner Meinung fragen. Wie sich herausstellt, lieben es Landwirte, über ihren Betrieb und ihre Anliegen zu sprechen. Die durchschnittliche Nichtantwortquote liegt bei etwa vier Prozent.


Landschaftsüberwachung mithilfe von Satellitenbildern:

+ 140.000 geführte Interviews pro Jahr


Wie sieht eure Arbeit mit einem Kunden wie Tchibo aus?

David: Wir gehen in drei Schritten vor. Die Röster reichen ihre Daten ein, und wir überprüfen sie, indem wir uns direkt bei den Lieferanten vergewissern, woher ihr Kaffee stammt. In Schritt zwei liefern wir detaillierte Bewertungen und Erkenntnisse zu Nachhaltigkeitsfragen in der Lieferkette des Rösters oder in den geografischen Beschaffungsgebieten, basierend auf den Daten, die wir direkt von Bauern und Arbeitern gesammelt haben. Die Röster verpflichten sich dann zu kontinuierlichen Verbesserungsmaßnahmen, um diese Probleme anzugehen. Dazu gehören die Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten, um Informationen über Nachhaltigkeitslücken auszutauschen, die Teilnahme an gemeinsamen Initiativen verschiedener Interessengruppen, die sich mit den Herausforderungen in der Kaffeeindustrie befassen und die Gewährleistung von Transparenz hinsichtlich der Fortschritte durch die öffentliche Festlegung mehrjähriger Ziele für die Verbesserung der Nachhaltigkeit. Darüber hinaus verlangen wir von den Röstern, dass sie die Bauern direkt unterstützen, indem sie Programme vor Ort finanzieren, die sich mit den von uns bewerteten Nachhaltigkeitsproblemen befassen.

Bewertet ihr die Auswirkungen dieser Programme?

David: Ja, das tun wir. Wir überprüfen die Investitionen der Röster in Projekte zur Unterstützung der Bauern, um sicherzustellen, dass diese Projekte eine ausreichende Anzahl von Farmen erreichen, basierend auf einer Kombination aus den Einkaufsvolumina eines Rösters pro Land und unseren Nachhaltigkeitsbewertungsergebnissen. Dazu gehört insbesondere, dass wir die Teilnahme der Bauern an den Programmen stichprobenartig überprüfen, indem wir Teams zu zufällig ausgewählten Farmen schicken, die von diesen Projekten profitieren.

Wenn einer eurer Kunden behauptet, dass sein Kaffee „nach Enveritas-Standards verantwortungsbewusst bezogen“ wurde – was bedeutet das?

David: Das bedeutet, dass der Kaffeeröster finanzielle und soziale Verpflichtungen eingegangen ist, um die Bedingungen in den Anbaugebieten seines Kaffees zu verbessern, und dass er nachweislich bedeutende Schritte zur Umsetzung dieser Verbesserungen unternommen hat. Vor allem bedeutet es, dass Röster in direkte Förderprogramme investieren, die auf Nachhaltigkeitsfragen abzielen – beispielsweise Programme zur agronomischen Ausbildung, zur Förderung der Biodiversität in landwirtschaftlichen Betrieben oder zur Zusammenarbeit mit Landwirten bei der ordnungsgemäßen Abwasserentsorgung in der Verarbeitung. „Verantwortungsbewusst bezogen“ bedeutet nicht, dass jeder Bauernhof, von dem ein Röster seinen Kaffee bezieht, alle Aspekte unserer 30 Nachhaltigkeitsstandards erfüllt.

In eurem Leitbild heißt es, dass ihr die weltweite Armut im Kaffeesektor bis 2030 beenden wollt. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, und 2030 ist nur noch wenige Jahre entfernt. Was lässt dich glauben, dass ihr die Nachhaltigkeit im Kaffeesektor beeinflussen könnt?

David: Die Branche gibt jährlich etwa 250 bis 300 Millionen Dollar für Zertifizierungen aus, aber wir sehen nur sehr geringe Auswirkungen. Mit besseren Daten können wir bessere Projekte durchführen. Wir setzen für jeden Lieferanten ein Ziel fest, das wir dann überwachen und umsetzen, um die richtigen Probleme an den richtigen Stellen zu lösen. Das bedeutet nicht, dass wir die Marktkräfte ignorieren, sondern dass wir neue und kreative Wege finden, um Shareholder zu belohnen, Kunden zu begeistern, unseren Planeten zu schützen und Kaffeegemeinschaften zu helfen, zu gedeihen.